Teenager auf Crack

Berlin, Columbiahalle. Freitagabend, 20 Grad, ausgelassene Stimmung und ein Altersdurchschnitt, der variabler nicht hätte sein können. Fünfzig Prozent Teenager, fünfundzwanzig Prozent Mittzwanziger und fünfundzwanzig Prozent Erziehungsberechtigte, die ihre kleinen Heranwachsenden nicht allein auf ein FSK-freies Konzert lassen wollen. Die als Club-Konzert titulierte Gruppentanzveranstaltung ist ausverkauft und bis obenhin mit jetzt schon schwitzenden Menschen gefüllt. Ich mitten drin. Als überdurchschnittlich großer Mensch stehe ich normalerweise nie vorne. Ganz besonders nicht in der vierten Reihe, aber wie das Schicksal es so wollte, haben meine Freundin und ihr Bruder in der Größenvergabe leider den Kürzeren gezogen, weshalb ich mich jetzt der Freundschaft zuliebe weit außerhalb meiner Komfortzone und viel zu sehr in den Achselhöhlen fremder Halbstarker befinde. Ein Geruch – eine seltsame Mischung aus Pubertätshormonen und Bier – dominiert das Geschehen. Noch bevor es überhaupt anfängt fangen die ersten Mädchen an zu schreien und grölen sich die Seele aus dem Leib, als ginge es um ihr Leben. Mein Zugehörigkeitsgefühl unterschreitet den Nullpunkt. 

Das Licht geht aus. Eine seltsame Anspannung füllt den Raum und ich habe das Gefühl, wenn wir noch dichter zusammenrücken, werden wir zu einem großen Menschenklumpen. Und dann ist es endlich so weit: Ein Roadie huscht über die Bühne. Eine Szenerie, die ich nur aus Boyband-Dokumentationen der 90er Jahre kannte, wird meine Realität. Rund um mich herum wird gekreischt, gejubelt und Plakate in die Luft gerissen. Alles in der Hoffnung man könnte die Aufmerksamkeit des Objektes der Begierde auf sich lenken. Die Unwissenheit der Pubertät verrät ihnen jedoch nicht, dass man lediglich erkennt, wer im unteren Drittel der Intelligenz zu Hause ist. Die Setlist wird auf die Bühne geklebt, es wird wieder geschrien. Alle Schreienden verlieren zehn IQ-Punkte. Nach ca. zwanzig Minuten und vielen, wirklich vielen Fehlalarmen habe ich einen höheren IQ als die ersten zwei Reihen zusammen. 

Als die Stimmung ihren vermeintlichen Höhepunkt erreicht, die Vorband der Meute richtig eingeheizt hat, erlebe ich etwas, dass meiner persönlichen Definition eines Albtraumes nahekommt: Die Band steht auf der Bühne, der erste Schlag in die Saiten der abgerockten Gitarre und ich habe alle meine Freunde verloren. Wie Geisteskranke auf Crack springen alle durcheinander und ich habe Mühe meine Körperteile bei mir zu behalten. Ganze drei Minuten halte ich diese Form der Ekstase aus, bevor ich mich an meinen Safeplace zurückziehe und der Bar „Guten Tag“ sage. Von hier aus lässt es sich eh viel besser beobachten und mitschreiben, welches Bild sich mir auftut: 

Männer in der Blüte ihres Lebens, stehen vor mir und grölen wie kleine Mädchen Teenager Texte mit als würden sie ihnen die Welt bedeuten. Was sie natürlich niemals zugeben würden. Aber heute, nur heute sind sie die kleinen Feen, die sie sich nie trauen zu sein. Na gut, vielleicht hat das grüne Rauschkraut und das Bier seinen Teil dazu beigetragen, aber zu sehen, wie gestandene Männer und Frauen zu mittelmäßigen Texten auf 80er Jahre Elektro Synthesizer und modernen „Haus-Maus“-Reimen abgehen ist zum einen wahnsinnig schön zu sehen und zum anderen auf meinen persönlichen Musikgeschmack bezogen etwas seltsam. Aber wer bin ich schon das zu behaupten? Lediglich ein Verfechter guter Musik. Doch die Leute sind baff. Ich meine: Da stehen 3500 Menschen zusammengeschlossen vor einer Bühne und schreien über zwei Stunden hinweg Texte wie: „Doch der Fahrstuhl am Westkreuz riecht noch immer nach Pisse – und du weißt nicht, wie doll ich dich vermisse.“ Und genau hier kommen mir so viele Fragen. Was will uns der Interpret mitteilen? Was ist am Westkreuz passiert? Riecht seine Verflossene nach Pisse? Jaja künstlerische Freiheit muss man nicht erklären, schon klar, aber mehrere tausend Leute zu sehen, die genau diese sinnfreien Zeilen aus vollem Leibe mitsingen, lassen den Gedanken der Zensur mit Gefallen wieder aufleben. Kleiner Spaß. Zwei Stunden, drei Bier und seit einer Stunde schmerzende Füße später ist der ganze Spuk vorbei. Alle sind wieder die, die sie vorher waren. Doch was bleibt, ist das zufriedene Gefühl derjenigen, die endlich mal die sein konnten, die sie sonst nie sein können.