Poetry Swag

Ich kann es nicht anders sagen: Poetry Slam ist die wohl ätzendste aller öffentlichen Prosalesungen. Zusammen mit anderen Halbstarken auf einer Bühne zu stehen um sich seine heiß ersehnten fünf Minuten Aufmerksamkeit abzuholen, um der Welt zu zeigen, was für ein unvergleichbarer Mensch man doch ist. Kreativität in Reime gepackt mit einem Ethos, das schon mehr nach fake klingt als man ertragen könnte, ist für meine Wenigkeit zu viel der Scheinheiligkeit. Gepaart wird das Ganze mit einer Story, die vor reiner Belanglosigkeit nur so trieft. Vielleicht ist unsere Generation davon geplagt nichts mehr zu erzählen zu haben, außer die First-World-Problems des durchschnittlichen gutbürgerlichen Mittelstandes. Man weiß es nicht. Vielleicht bin ich auch die falsche Klientel, dass sich für diese Art Sprech-Sing-Sang begeistern kann. Grundsätzlich hält sich meine Begeisterung von All-Strick-Everything-Modebegeisterten in Grenzen, die mir die Welt erklären wollen. Mir kommt regelrecht der Brechreiz, wenn sich eine Abiturientin mit ihren 18 Jahren auf eine Bühne stellt und den Zweiten Weltkrieg aus Ihrer Sicht erklären will. Eine Ich-Perspektive in Bereichen anzuwenden, von denen man schlichtweg keinen Plan haben kann, grenzt an bodenlose Frechheit. Ähnliches Beispiel: Männer, die mir erklären, was ich als sexuellen Übergriff zu empfinden habe und was nicht. Sensible Themen in zwei Sätzen erwähnen und gleichsetzen? Check. Aber du verstehst was ich meine. Beides sind Beispiele für Themenbereiche, aus denen man sich einfach mal raushalten sollte, wenn man keinen Plan hat. Das klingt arrogant, hochnäsig und wahnsinnig pathetisch, aber Freunde, genau so ist es. 

Und genau deshalb ist ein Open Mic Slam, der ungefiltert für jeden und alle zugänglich ist zum einen der Segen auf Erden, um erste Schritte auf der egofütternden Bühne zu machen und zum anderen der Tritt in die Kniekehle für alle, die zuhören müssen, wenn du dich der falschen Themen bedienst. Sprich doch einfach über was, was die anderen begeistert und was du dir von der Seele quatschen willst. Pack noch ein bisschen Witz mit rein oder fahr die reine Trauerschiene – mir egal – und gut ist. Aber lass doch einfach den lehrerhaften Unterton raus und erklär mir nicht die Welt. Einfach gesagt aus meiner gutbürgerlichen Mittelschicht, aber genau das ist die Zielgruppe eines Poetry Slams. Die Leute wollen unterhalten werden. Kaum einer hält das Gefühl der Fremdscham aus, wenn der geschlossene Saal nur darauf wartet, dass der Vortragende von der Bühne verschwindet. So gehts mir auch. Schlechte Lyrik, Poesie oder schlechtes Storytelling ist für mich nur schwer auszuhalten. Aber hey, ich bin nicht das Maß aller Dinge, der Vorstand des gesprochenen Wortes oder Ähnliches. Was ich kacke finde, finden die anderen grandios. Also ab in die Wollsocken, rein in das Batikkleid, schnell noch die Dreads hochgebunden und das Septum durch die Nase geschoben und ab gehts. Lauf mein Kind. Lauf schnell in die kleine Szenekneipe in deinem Kiez, in dem schon der nächste Untergrundkünstler auf dich wartet. Fernab von den großen glänzenden Stars und Sternchen der Literatur, mit denen man ja gar nichts zu tun haben will, weil sie ja schon viel zu bekannt sind. Massiges Abgekulte ist sowie gar nicht deins. Große Hallen mit hervorragender Akustik sowieso nicht. Du quetschst dich lieber mit 30 Anderen in den drei Quadratmeter Zuschauerraum, um müßig den Worten des Vortragenden über die Rettung der Welt zu lauschen. Also hopp. Husch. Du bist spät dran. Ab in die Barfußschuhe und raus in die große Welt, die eigentlich nur darauf wartet dich zu entdecken. Denn das ist der eigentliche Grund warum du dich zu einem Massenbeschämnis aufmachst. Du hast die kleine vage Hoffnung irgendwann auch mal über deinen Schatten springen zu können um auch mal auf einer dieser Bühnen stehen zu können und am Ende groß rauskommst, wie die Großen deiner Szene. Also mach dir nichts vor und setz dich doch einfach hin, schreib deinen Text und verändere die Welt mit deinem Antikapitalismus-Text. Schließlich willst du das BWL-Studium nicht umsonst im fünften Semester abgebrochen haben. Das Wissen muss raus, damit Mama sieht, dass doch noch was aus dir wird. Also lauf kleiner Padawan. Zeig, wie ähnlich wir uns alle sind und das wir alle aus denselben Gründen auf der Bühne stehen. Machen wir uns doch nichts vor. 

Janna Meyer