New Year – New Nothing

Das Jahr ist vorbei und was übrig bleibt, sind die feierwütigen Alkoholleichen auf den zugemüllten Straßen der Stadt. Und jeder, der denkt, dass ein Jahreswechsel mit neuen Tugenden, einem „New Year – New Me“-Shit oder sonst einem Vorsatz starten sollte, der hat meiner Meinung nach ganz andere Probleme, als den inneren Schweinehund. Wer sich ein massenbewegendes Datum des mentalen Umschwungs, der inneren Befreiung und der Überwindung alter Laster aussucht, um aus sich einen neuen Menschen zu machen, ist wahrscheinlich auch einer der Menschen, die den Valentinstag für den Tag der Liebe und Paris als romantischen Ort für einen Heiratsantrag priorisieren. 

Der, der Veränderungen des eigenen Lebens zum ersten Tag des neuen Jahres plant, verdient nichts Geringeres als die Krone des Mitläufertums. Ich meine, du willst dein Leben ändern, du willst mit dem Rauchen aufhören, mehr joggen gehen oder das beliebteste aller Ziele verfolgen und dich dem von der Modewelt aufgedrückten Körperbild unterwerfen? Bitte. Aber wenn du es wirklich wolltest, hättest du schon vorher angefangen deine Pläne umzusetzen und bräuchtest keinen lapidaren Neujahrsvorsatz, den du enttäuscht – Erfahrungswerten nach zu urteilen – nach drei bis sechs Wochen verwirfst, weil der Druck zu hoch, die Motivation zu niedrig oder das Wetter zu kalt ist. Ein Datum, das so zufällig gewählt ist, als universellen Tag der Veränderungen auszuwählen, schreit schon nach Versagen. Bevor du augenrollend das Innere deiner Schädeldecke begutachtest, lass mich erklären: 

Alles beginnt mit Silvester: Schon seit Tagen knallen die Leute ihren IQ mit halblegalen Böllern weg, und dein Stresslevel ist nicht nur dadurch gestiegen, sondern auch aus dem Grund, dass der Jahresabschluss die beste Party des Jahres sein muss. Ziemlich viel Druck um den Tag danach, als komplett neuer Mensch, der gelassen über allem und jedem stehen soll, zu beginnen. Und das ist alles noch vor der eigentlichen Party. Danach folgen Modestress und Partystress. Was ziehe ich an und auf welche Party gehe ich? Auf die Party der Freunde, mit denen man immer feiert oder auf die fancy Party der Kollegen, die einen zum ersten Mal eingeladen haben? Sich da zu entscheiden, belastet das Stresskonto zusätzlich. Gehen wir einen Schritt weiter: Du hast dich entschieden, das Kleid sitzt und die hohen Schuhe tun unendlich weh, obwohl du sie erst seit einer Stunde trägst. Aber du lässt dich nicht unterkriegen, die ersten ein bis vier Schnäpse lockern dich auf und unterdrücken den schmerzenden Fuß. Locker lässig startest du in die Nacht: gute Gespräche, gute Musik, gute Party. Der Alkohol fließt und vielleicht auch das eine oder andere berauschende Mittel helfen dir die gute Stimmung zu halten.
Kurz vor Mitternacht: Halbzeit. Der Countdown läuft und der Zenit der Stimmung will erreicht werden.
HAPPY NEW YEAR! 

Ein Ende der Party ist noch lange nicht in Sicht. Man will ja nicht die Erste sein, die die Party verlässt. Je länger du bleibst, desto besser dein Image. Zudem der durchweg unterbewusste Zustand des „Fear of Missing Out“ – man will ja am nächsten Morgen mitreden können. Also weiter. Noch ein Glas Sekt, einen Shot mit der Freundin, die man so lange nicht gesehen hat und das ein oder andere Party-Spiel fördern nicht nur den Verlust des Zeitgefühls, sondern auch die eigene Hemmungslosigkeit. Die Stunden vergehen und man taumelt von der Hausparty in den Club und alles beginnt von vorne. Es soll ja schließlich die Nacht des Jahres sein. Was für ein Quatsch einem so willkürlichen Abend ohne Bedeutung so viel Druck aufzuerlegen, sodass die gute Laune auf natürlichem Wege schon gar nicht mehr in Gang kommen will. 

Die frühen Morgenstunden brechen an und der Zeitpunkt ist für dich gekommen den Nachhauseweg anzutreten, während die anderen noch weiterziehen. Aber du hast dir ja Vorsätze gemacht. Du wolltest gut in das neue Jahr starten. Das Jahr, das wie jedes Jahr dein Jahr werden soll. Auf dem Weg nach Hause stolperst du über die Partypeople, deren Ende des Abends noch lange nicht in Sicht ist. Über Schnapsleichen, die am Rande des Exitus an den U-Bahnhöfen deines Vertrauens einschlafen und neben den dir bekannten Obdachlosen ein nahezu harmonisches Bild abgeben. Zeit für Schlaf, Zeit dich zu erholen und dein Jahr so richtig zu starten. 

Denkst du. 

Der nächste Morgen gibt ein böses Erwachen. Der Schädel brummt, der Hals schmerzt vom vielen Tabak, den du ja eigentlich nicht mehr konsumieren wolltest und die Welt scheint sich mit doppelter Geschwindigkeit um die eigene Achse zu drehen. Der schlimmste Kater des Jahres. Jetzt schon. Du fühlst dich müde, ausgelaugt, das Make-up der letzten Nacht auf Gesicht und Bett verteilt und an die neuen Vorsätze ist nicht mal zu denken. Nicht nur, dass dein Magen nach fettigem Post-Hangover-Food schreit, nein auch deine Glimmstängelsucht holt dich schneller ein, als dir lieb ist. Aus lauter Frust über die vermeintliche Schwäche deiner Person bestellst du dir Pizza und verbringst den Tag leidend auf der Couch. Dein schlechtes Gewissen immer mit dabei. Sollte 2019 doch genau dein Jahr werden.
Und genau hier schließt sich der Kreis. Silvester und Neujahr sind nichts Besonderes. Keine prädestinierten Tage, an denen es sich lohnt sich selbst neu zu entdecken. Du kannst dich jeden Tag neu erfinden. Du brauchst kein Datum, an dem ein gesellschaftliches Kräftemessen stattfindet. Erweitere deinen Horizont und begrenze dich nicht auf einen speziellen Moment, dessen Druck nur die wenigsten standhalten können. Wähle dein eigenes Datum, welches du genauso zufällig oder eben auch geplant setzen kannst. Du bist unabhängig von dem Druck der Neujahrsvorsatzwahnsinnigen. Du brauchst das nicht. Du bist besser als das. Viel besser.