Home, sweet home

Geboren am Arsch der Heide: dort, wo sich Fuchs und Elster „Guten Tag“ sagen – gestrandet in der Großstadtmetropole Berlin. Was sich nach Entwicklung und Fortschritt anhört, ist für viele Durchschnittsdorftrottel der wahr gewordene Albtraum. Öffentliche Verkehrsmittel, drei Millionen Mitmenschen und das Geschenk der Anonymität, ist für die Sonjas und Torbens meiner Gegend zu viel. Aufgewachsen mit Kühen und Landwirtschaft treibt es die Vielzahl meiner ehemaligen Mitschulbankdrücker höchstens in die nächstgrößere Stadt fürs Studium, um danach möglichst schnell den vom Treckerfahren platt gesessenen Arsch wieder Richtung Heimat zu bewegen. Hof, Land und Vieh versorgen sich halt nicht von allein. Und wenn der zu erreichende Horizont halt nur 30 min Autofahrt vom Studienort entfernt ist, ergibt man sich dem selbst auferlegten Schicksal. 

Seit dem Abi packt mich die Sorge das Dorf nie ablegen zu können und immer in der elenden Einöde gefangen zu sein. Mit Menschen wie euch, die mir die Schulzeit zur Hölle gemacht und in die zwischenmenschliche Misere getrieben haben. Wieder zurückzukommen und meinen Urlaub hier zu verbringen ist eine Mischung aus Glückseligkeit und abgrundtiefer Abneigung gegen das soziale Gefilde. Ich liebe meine Stadt, meine Eltern und auch die paar Freunde, die mir hier geblieben sind. Aber genau so könnte ich über die Art der Menschen hier regelrecht kotzen, weil mich jede Ecke hier an eine Jugend voller ätzender Menschen erinnert. Eine Stadt, die vom Buschfunk lebt, hat man es als ruhiger Durchschnittsteenie nicht leicht. Wenn man zusätzlich das Maul dann noch nicht auf bekommt, ist der Stempel aufgedrückt und die Geier ziehen leise Kreise um dich, bis man sich nach und nach von dir abgewendet hat. Soziale Inkompatibilität war mein Steckenpferd. Doch immer noch besser, als einer von euch zu sein:
Minderbemittelte Menschen, deren Lebensinhalt von Schützenfesten und sinnbefreitem Massenkonsum von Alkohol geprägt sind, kann ich nicht ernst nehmen. Wenn das einzige auf das du hinarbeitest die Schützenfestsaison oder der Assi-Urlaub auf Malle ist, habe ich fast schon Mitleid für den geringen Horizont, den dein Leben für dich bereithält. Die Bierbank als schützender Rückgratersatz und der Megapark als Bällebad für Idioten, die außer saufen und sexistischen Klischees nichts im Kopf haben. Wenn du nichts mehr erreichen willst, außer den Fachmann nach deiner Bankkaufmannslehre und dir das Haus in Kaff 13 schon gekauft hast, zweifle ich nicht nur an mangelndem Verstand, nein, ich frage mich, ob man mit 21 tatsächlich sein Leben schon vollends aufgegeben haben kann. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man glatt von einem weiteren Fall a la Benjamin Button ausgehen: der Geist eines Mittvierzigers herangezogen und wohlgenährt, wie ein Parasit im Körper eines Anfangzwanzigers.

Aber natürlich gibt es nicht nur Rant. So scheiße meine Zeit hier auch war, so ätzend meine gesamte Schulzeit war und so sehr ich 80 Prozent der hier lebenden Menschen missbilligend betrachte: es ist immer noch mein Zuhause. Mein Zuhause in das ich immer gern zurückkomme und mich mit Tee und meiner mittlerweile steinalten Katze auf die Terrasse setze. Meine Eltern um mich und meine Kindheitsurlaube mit den alten Brett- und Kartenspielen Revue passieren lassen, sodass das Gefühl von Geborgenheit und Glückseligkeit in mir aufsteigt. Der Garten, der die trockene Hitze nicht gut überstanden hat, im Blick ziehen Momente einer unbekümmerten Kindheit an mir vorbei. Der einbrechende Regen trommelt wütend wie beruhigend auf die Schräge des Terrassendaches ein und lässt mich doch noch an das Ende des Regenbogens glauben. Ich könnte nicht glücklicher sein. Das ist mein Zufluchtsort, mein Exil, mein Safe Space, meine Heimat, mein Zuhause.

 

Janna Meyer