Raketenwissenschaft

Fakt ist: Männer treiben mich in den Wahnsinn. Schreiben sie tun sie es. Schreiben sie nicht, auch. Es scheint in der Natur der Dinge zu liegen, dass sie einen vollkommen unfähig machen. Seit dem ersten Kontakt mit dem Objekt der Begierde sinkt das geistige Niveau auf das eines Primaten mit einfachem Chromosomensatz. Die frühpubertäre Unsicherheit tritt in den Vordergrund und lässt mich pseudocoole Dinge fragen, wie: „Was machst du heute Abend, wollen wir was machen?“ Ich mache den ersten Schritt. Ich sehe vor meinem inneren Auge schon wie Alice Schwarzer mir weinend um den Hals fällt und mich zu meiner emanzipierten Weiblichkeit beglückwünscht.  Während das an sich noch lässig genug ist, um jemanden zu einem wirklichen Date zu überzeugen, macht der frühkindliche Neocortex alles kaputt. Ich sehe mich, wie in einer Parallelwelt, Dinge wie: „Ja, also nur, wenn das für dich okay ist, und wenn du auch wirklich willst. Ich würde schon gerne, aber klar, nur wenn du wirklich willst. Wenn nicht ist auch nicht so schlimm“ schreiben. Und das nennt man: präpubertäre Zeitreise mit vorübergehender Amnesie der eigenen kognitiven Fähigkeiten, die nur einen Funken Vernunft walten lassen könnten. Jede halbwegs emanzipierte Frau würde jetzt Lynchjustiz an mir üben, dafür dass ich nicht zu mir, meiner Weiblichkeit und meinen Entscheidungen stehe. 

Fakt: Zurückrudern ist scheiße. Und peinlich. Richtig peinlich.

Nächster Fakt: Es ist wirklich scheiß egal, wann und wie du antwortest. Was jetzt erstmal konträr zu Fakt eins aussieht, erschließt sich eigentlich von allein. Während man versucht möglichst cool und individuell und unberührt von der gesamten Situation das Gegenüber zu erobern, stellt man doch ziemlich schnell fest, dass es an der Meinung des Objekts der Begierde nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS ändert, wenn ich jetzt in 2 min oder in 2 Stunden antworte.
Zuerst ein Snap, dann ein Tweet und noch eine Story auf Instagram um die Unabhängigkeit der weiblichen Spezies von der dominierenden Männerwelt hervorzuheben und sich dann erst wieder bei ihm melden. Nach stundenlanger Diskussion mit der besten Freundin, wie man ihn jetzt am besten um den Finger wickelt, schickt man eine einfache Antwort unter der Hymne von Destiny’s Childs „Independent Women“. Es ergibt sich, dass die intergeschlechtliche Kommunikation zur Raketenwissenschaft wird. Die Sorge, die scheinbar immer mitschwingt, lässt sich kurz zusammenfassen: Unverfügbarkeit scheint das neue digitale Gold zu sein.
Jemandem das Gefühl zu geben, man wäre nur schwer erreichbar und super busy unter der Prämisse, dass der andere die ganze Zeit auf deine Antwort wartet, ist ein verficktes Psychospiel. Jigsaw würde dich direkt unter seine Fittiche nehmen. Das hat zufolge, dass sich keine der beiden Parteien richtig auf den anderen einlassen will. Man hat Angst verletzt zu werden und mit veralten Theorien a la „willst du gelten, mach dich selten“ wird das durchgehende Spiel zwischen Abneigung und Zuneigung auf die Spitze getrieben. 

„Du musst dich rarmachen“. Dann wird man sehen, was man an dir hat, sagt meine Oma. Meine Oma, die das Game auf ganzer Linie beherrscht. Ich habe aber keine Lust mitten in einer Unterhaltung wieder 2 Stunden warten zu müssen, bis ich mich melde, weil ich ansonsten zu verfügbar wirke. Mädels, die dieses Spiel eingeführt haben, sind genau die ungefickten Mädels, die aus ihrer eigenen Unsicherheit Männer zum Feindbild machen und die jetzt versuchen sämtliche Frauen von ihrem „Wanna-be“-Feminismus mit Shirts auf denen „Don’t text him back“ prangert, zu überzeugen. Und alles was mir dazu einfällt, ist eine flache Hand, die frontal gegen meine Stirn schlägt. 
Denn: natürlich kannst du ihm zurückschreiben. Natürlich kannst du ihm auch nachts um 3 im Vollsuff die dümmsten Nachrichten der Welt schreiben. Das Bild was er sich über dich gemacht hat, hatte er vorher schon. Daran wird sich aufgrund von ein paar Nachrichten auch nichts ändern. Also nimm dein postmodernes Tamagotchi in die Hand und schreib ihm das, was auch immer du schreiben willst.