Asoziales Netzwerk

Es ist Sonntag 12 Uhr.  Ein eintöniges Vibrieren lässt mich aus meinem Dämmerschlaf erwachen.
Mein Ausschlussverfahren schwankt zwischen Handy und Sextoy. 
Zwei Sekunden später bin ich mir sicher, dass es sich um mein Handy handelt. 

Ich lese deinen Namen auf dem gebrochenen Display. 

Ich ahne, was kommt, wenn ich rangehe. Doch das macht nichts. Du bist meine Therapeutin, meine Seelsorge, meine beste Freundin und meine Familie. Um den Kitsch noch zu toppen: dasselbe bin ich auch für dich. 
Einmal räuspern, die Haare nach hinten werfen, bequeme Postion einnehmen und da bin ich.
Schon am Klang deiner Stimme erahne ich, welchen Verlauf das Gespräch nehmen wird. Du schilderst mir deine Lage, deine Ängste und was dich umtreibt. Dass du schlecht abschalten kannst, dich stets mit mir fernen Sorgen plagst und nicht zur Ruhe kommst. Dein Perfektionismus treibt dich an mehr zu geben. Und Social Media gibt dir den Rest: makellose Frauen, perfekte Körper. Alle sind schöner als du. Schlauer als du. Witziger als du. Und das 24/7. Das kleine Ego für zwischen durch. Immer auf Knopfdruck.
Es ist schwer bei so viel Gehirnwäsche den Verstand zu behalten. 
Wenn dich dann gleichzeitig noch die Sorge plagt, ob du nicht grade etwas verpasst, ist die Quarterlifecrisis nicht weit. 
Richtig gehört. Die sogenannte Quarterlifecrisis ist für diejenigen, denen die Midlifecrisis noch nicht krass genug ist. Wenn es dir also nicht reicht, dich in den 30ern für deine vermeintlich verpasste Jugend zu hassen, dann ist die Quarterlifecrisis genau dein Ding. 
Somit verbringst du deine Nächte zwischen Theke und Tanzfläche, um am nächsten Morgen deprimiert vom Kater noch tiefer in deine Krise zu rutschen.
Der auf dir lastende Druck eine junge, erfolgreiche, gut aussehende Frau zu sein, die in 5 Jahren mit Mann und Kind auf ihrer eigenen Veranda sitzen will, löst Stresspickel aus. Du willst alles sofort, perfekt und unmittelbar ohne Umwege. 
Die Realität ist ein mieser Verräter und lässt dich aus deiner Traumwelt so hart auf den Boden aufschlagen, dass dir Hören und Sehen vergeht. 

Also weiter. 

Party, Theke, und immer wieder derselbe Typ, der dich seit unzähligen Monaten den Verstand verlieren lässt. Dieses verdammte Hohlbrot, der deiner nicht mal ansatzweise würdig ist, macht nicht nur dich fertig. 

Und da komm’ ich wieder ins Spiel. 

Während du deine Nächte Revue passieren lässt und ich dir aus purer Liebe immer wieder zuhöre und mir die Geschichten zum 10. Mal anhöre, atmest du auf und leitest das Ende des Gespräches ein.
1,5 Stunden Gesprächstherapie in der Studentenausgabe. 
Warum er nicht schreibt und ob du dich melden sollst oder doch lieber noch 3 Tage Funkstille einbauen solltest. Ob er dich überhaupt mag und was die Nachrichten der letzten Nacht, die er dir im Vollsuff geschickt hat bedeuten sollen. Dr. Sommer könnte es nicht besser. 
Nachdem jeder mögliche Gedankengang einstudiert ist, alle Eventualitäten gecheckt und die nächsten 40 Ausgaben der Bravo mit Material gefüllt sind, entlasse ich dich aus meiner telefonischen Sprechstunde mit einem Gefühl, das mir sagt, dass meine Hilfe nur von kurzer Dauer gewesen sein wird.
Telefonat beendet.
Und als wenn Hulk persönlich mich umgeklatscht hätte, passiert mir genau dasselbe. Ich bin in derselben Situation wie du und kann nicht einen Rat, den ich dir gegeben habe, auf mich anwenden. 
Mein Stalkerinstink schaltet sich ein und übernimmt. 

Insta-Story: hast du gesehen.

Meine Snaps hast du auch geöffnet. 

WhatsApp: Blaue Haken. 

Die Belanglosigkeit der Situation lässt mich nur einen Wunsch äußern. Ich will zurück in die 90er. 
Ich will offline sein.
Ich habe keinen Bock zu sehen, dass du um 19.32 Uhr das letzte Mal online warst. Ich habe keinen Bock zu sehen, dass du während ich auf deinen Chat klicke in der Hoffnung, dass du mir schreibst, online bist. Ich will nicht sehen, dass du trotz deiner offensichtlichen Ignoranz meine Stories siehst. Nicht nur eine. Nein, ALLE. Ich will das alles nicht wissen. Die Fähigkeit alles und jederzeit kontrollieren zu können, spielt mit einer Verantwortung, die ich nicht tragen will. Gleichzeitig ist es wie digitales Koks, dass auf Knopfdruck Dopamin ausschüttet und mich auf dem dünnen Eis der Grenzdebilität stolzieren lässt. 
Ich ziehe die Reißleine, bevor ich mich noch selbst einweisen muss. 

Stalkermode: off.

Flugmodus: ein.

Offline sein. Ich entziehe mich dem Überschwall an Informationen und bin offline. Zumindest für eine kurze Zeit. Oder auch nur für diese Nacht.

Janna Meyer