How to be a Hipster

Zugezogen in die größte Stadt Deutschlands, geboren in den kleinsten Dörfern der Welt hast du die optimalen Grundvorraussetzungen ein richtiger Hipster zu werden. Eine Stadt, die den Individualitätsgedanken prägt wie keine andere, setzt einen ganz schön unter Druck. Da muss man vorbereitet sein. Also lehn dich zurück, rück’ dein Septum gerade und lausche meinen weisen Worten.

Ein Durchschnittshipster, wie du es einer sein wirst, hält sich in den Ballungsräumen der deutschen Großstädte auf. Trotz der hohen Hipsterdichte ist er ein eher scheues Wesen und manchmal kaum wahrzunehmen. Im Winter immer in Schwarz gekleidet und kaum von den dunklen Hauswänden zu unterscheiden, schleicht er durch die Hochburgen der Republik. 
Doch kaum kommt die Sonne raus, werden der miefige Club mit den verranzten Sofas und gepolsterten Sitzbäcken mit dem letzten Rest des weißen Gute-Laune-Pulvers weggezogen. Das Speed wird gegen Vitamin D und das MDMA gegen die ersten richtigen Sonnenstrahlen des Jahres eingetauscht. Lässig wird die Spotify „Swag House“ Playlist auf die Ohren geschmissen, damit zumindest auditiv die Szenerie des Clubs bewahrt wird.
Rein äußerlich verändert sich der obligatorisch gepiercte Mittzwanziger nicht. Im Sommer wie im Winter trägt er stets seine weiten Pullover und T-Shirts, kombiniert mit einem frechen „Marlenehose“-ähnlichen Beinkleid und den dazu kombinierten DocMartens. Sein USP ist zu jeder Jahreszeit der unbekleidete Knöchel. Wie ein Achilles der Neuzeit, dessen IQ etwas gelitten hat, stellt der Hipster seine Schwachstelle offen zur Schau. 
Aber es wird Sommer. Die Hauptjahreszeit, die Saison — ja, der eigentliche Sinn eines Hipsters und seine damit verbundene Daseinsberechtigung kann nun endlich in vollen Zügen gelebt werden. Neben seinem USP ist auch sein gesamter Style von seiner Individualität geprägt. Es ist Sommer endlich Zeit für kiloweise kitschigen Schmuck der an den ausgemergelten Handgelenken für die nötige Schwerkraft sorgt. Man könnte meinen, dass Thomas Anders’ Ex Nora hier die eigentliche Stilikone ist. Je schwerer und lauter das Gebimmel, desto hipper. Dazu die Zwangs-Rayban, die der Hipster seit seiner Geburt trägt und damit immer allen einen Schritt im Trend voraus war. Denn er hat es getragen, BEVOR es cool war. Das neueste It-Piece und der dazugehörige Fashion-Berlin-ich-mach-den-tausendsten-Lifestyle-Blog mit entsprechendem Instagram-Account macht auch dich zum 0815 Hipster. 
Derweil sich der Hipster also nach zwei Stunden Styling und zwanzigmal Umentscheiden der Klamotte endlich dazu bewegen kann das Haus zu verlassen, schleppt er sich, dem kiloweise um Hals und Armen hängenden Billigschmuck, in die Hotspots der Stadt. Berlin Kreuzberg — das ist sein Pflaster, seine Hochburg, sein Red Carpet. Immer im Schlepptau: die zweckentfremdete beste Freundin. Coole Fotos und ein ständig geupdateter Insta-Feed sind Priorität Nr. 1. 
Während ich also in meiner unfassbaren Durchschnittlichkeit in einer Wohnung im hippen Berlin sitze, ist das einzig hippe an mir meine „Nerdbrille“, wie sie früher genannt wurde. Doch im Gegensatz zu einem Hipster, ist sie für mich kein schickes Accessoire um den perfekten Vintagelook zu kreieren. Mit fünf Dioptrien auf beiden Augen, bin ich ohne Brille so massentauglich wie Mario Barth auf einem Akademiker Treff.
Hingegen du, als nun angelernter Hipster, deine Brille also als modisches Accessoire nutzt, verfalle ich in schiere Panik, wenn ich meine Brille nicht auf der Nase trage. 
Um auch sprachlich mit den Hipstern dieser Welt mithalten zu können, ist ein Basiswissen der englischen Sprache nicht nur sinnvoll, sondern Voraussetzung. Wie durch eine Geheimsprache muss sowohl dein Insta-Account, als auch dein täglicher Sprachgebrauch eingedenglischt sein.
Und das Wichtigste: der Gesichtsausdruck. Du lächelst nicht, du grinst nicht. Du bist cool. Du bist tough. Eine eiserne Mimik, die von deinem perfekten Make-Up unterstrichen wird, verleihen dir die Botox-ähnelnde Gelassenheit. Mimik und Emotionen kannst du Ausdruck verleihen, wenn dir der bittere Geschmack der aufputschenden Chemiekeule den Rachen hinunterläuft.
Mit diesem kleinen Einmaleins sollte der großen Karriere als Vollbluthipster nichts mehr im Wege stehen. Also lauf los. Lauf und rette deinen Kiez vor dem Zusammenbruch der Individualität. Denn nur du allein bist so besonders, dass niemandem sonst deine Existenz auffallen würde, wenn du sie nicht ständig auf Social Media teilen würdest. 

Janna Meyer