Immer, wenn ich blau bin

„Immer wenn ich blau bin, denke ich an dich. Immer wenn ich blau bin, ruf ich bei dir an“, schallt es mir aus den ranzigen Boxen einer Bar im Prenzlauer Berg entgegen. Zwischen Schnaps und Schall, zwischen Rauch und Tabak sitze ich vor meinem Gin Tonic. Halb leer und die Eiswürfel schon geschmolzen starre ich auf die wabernde Konsistenz. Vom Alkohol leicht benommen schaue ich durch das Glas wie durch eine Zauberkugel. Ein Zeitraffer der letzten sechs Monate rauscht durch meinen Kopf. Eine männliche Gestalt ist ein wiederkehrendes Muster meiner Fata Morgana. Eine Mischung aus blühender Fantasie, Sehnsucht und Wahnsinn verschafft sich Platz in meinem Kontrollzentrum. Vereinzelte Szenen und Gesprächsfetzen drängen sich durch den Schleier der Vergessenheit nach vorne. „Ich ruf dich auf keinen Fall an, doch vielleicht sollte ich dir mal schreiben“: was für ein beschissener Gedanke! Gepackt von der überhandnehmenden Euphorie meiner Schnapsidee, greife ich nach meinem Handy. Abgesehen von der Tatsache, dass meine motorischen Fähigkeiten und die filigrane Steuerung meiner Hände und Finger einer Imitation von Edward mit den Scherenhänden gleicht, brauche ich 4 Versuche und damit geschlagene 15 Minuten um mein Handy sicher auf den Tisch zu legen und zu entsperren. Beim letzten Versuch klappt es. Instagram, Facebook, Whatsapp. Keine neuen Nachrichten, keine Follower, keine Benachrichtigung. Die pseudosoziale Abhängigkeit von meinem rechteckigen Next-Level Tamagotchi fickt meinen Kopf. „Doch je tiefer die Nacht, desto besser die Idee - ich bin ein Genie“, säuselt mir der Sänger der Exilchemnitzer-Band in meine vom Ethanol betäubten Ohren. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dir tatsächlich zu schreiben. Alles was mein Hirn zustande bringt, sind uralte Floskeln und pseudointellektuelle Phrasen, die dein Interesse an mir bestimmt nicht entflammen. Ich denke weiter. Denk scharf nach und rausche in eine weitere Traumsequenz ab. Es ist kalt, es ist Winter, und wir treffen uns für einen Spaziergang bei dir um die Ecke. Die begrüßt mich herzlich, freust dich mich zu sehen. Wir laufen ein Stück, unterhalten uns. Laufen vorbei an Technoclubs, aus denen die gestrandeten Wochenendberliner und Pseudo-Hipster kommen und sich im Schutz der frühen Dunkelheit auf den Weg nach Hause machen, über die Brücke, bis wir ein Stück weiter wir an einem Teich mit Schwänen stehen. Die Romantik der Situation und die mit Kitsch getränkte Kulisse lassen mich im Nachhinein meinen Brechreiz nur schwer kontrollieren. Seit ich mit 15 meine Hochphase für rote Rosen, Kerzenschein und öffentliche Liebesbekundungen abgeschlossen habe, löst die Vorstellung dieses Szenarios nichts anderes als den in der Speiseröhre brennenden Reflux aus. Mir wird schlecht. Richtig schlecht. Traumsequenz vorbei. Ich greife nach meinem Handy, meinem Beutel und lege einen Usain-Bolt-artigen Sprint Richtung Klokabine hin. Mit einem Schwall überkommt mich die Hoffnungslosigkeit meiner Träumerei und ich erbreche all meine verschwendete Zeit in die Porzellanschüssel. Schlagartig bin ich wieder nüchtern, vorbei die Träumerei und zurück zur Realität. Ein letzter Blick auf mein Handy, bevor ich die Bar verlasse. Und alles, was ich sehe, sind die blauen Haken meiner letzten Nachricht an dich. Diese verdammt verschissenen blauen Haken, die sich wie ein Mahnmal vor mir aufbauen. Ich hab die Wahl, ob ich mich von deiner sozialen Inkompetenz runterziehen lasse oder ob ich mich für meine Selbstbestimmung entscheide. Ich suche deine Nummer in meinen Kontakten und drücke „KONTAKT LÖSCHEN“. Endgültig. Ich schaue vom Display auf - da kommt meine Bahn. Schnell zieh ich meine Kopfhörer aus meinem Beutel und starte die Playlist. Als sei es mein Mantra der Nacht, dröhnt es: Es ist Samstagnacht wir ziehen durch die Kneipen, und ich ruf dich auf keinen Fall an, aber vielleicht sollte ich dir mal schreiben. Angewidert von der emotionalen Abhängigkeit des Sängers, erfreue ich mich meiner gewonnenen autonomen Freiheit und fahre nach Hause.

Janna Meyer