Bahn-Fahr-Classics

Geschichten über die Bahn zu schreiben, ist genau das Niveau, das ich nie erreichen wollte. Doch, wie soll ich sagen, nun ja – nun sind wir hier. Ich kann mich aufregen oder a la Böhmermann die Bahn zu meinen Gunsten umfunktionieren, in dem ich meinen Promi-Status nutze. Einziges Problem: ich bin kein Promi. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich der Situation bedingungslos zu ergeben. 

Gefangen für die nächsten fünf Stunden in einem Großraum-Ruheabteil, welches ich mir mit gefühlt 500 anderen Menschen teile. Ruhe wird hier jedoch klein geschrieben. Sehr klein. Meine Mitreisenden alle genervt, weil die Bahn sich mal wieder für einen mehr als unübersichtlichen Weltvernichtungsplan entschieden hat: Alle Wagen in umgekehrter Reihenfolge und statt von Gleis 12 fahren wir heute von Gleis 4. Man kann sich in etwa vorstellen, wie sehr das, das feingeistige Gefühlskonstrukt des Durchschnitts-Bahnreisenden zermürbt. Die Laune ist also schlecht. Und weil man diese hochkonzentrierte Spannung während der Fahrt nicht abbauen kann, steht eben diese wie eine Wand im Abteil. Gott preise die geräuschunterdrückenden Kopfhörer, die es mir ermöglichen, mich im modernen Käfig auf Schienen nicht erhängen zu wollen. Ich hatte die Hoffnung, wenn schon wenigstens keine Ruhe, dann vielleicht einen Sitzplatz für mich allein oder zumindest ruhige Sitznachbarn, die nicht auf Tratschen aus sind, zu haben. Nope. Nicht mit der Bahn. Als stecke Kalkül hinter der Platzzuweisung bei reservierten Sitzen, werde ich mit meiner teufelsgleichen Stimmung in das Horror-Quartett gesteckt. Ich sitze an einem der Viererplätze, die noch weniger Beinfreiheit garantieren und mich als große Person wie in einer Legebatterie sitzen lassen. Zumindest sitzen mir keine Kinder gegenüber, die unentwegt herumspringen. Nein, besser: ein Pärchen, das sich mitten in der Honeymoon-Phase befindet und scheinbar das unentwegte Verlangen verspüren sich gegenseitig oral die Mandeln zu inspizieren. Ein Waschmaschinen-Syndrom wie es im Lehrbuch steht. Aber man will ja nichts sagen – das junge Glück nicht stören. Es wird gekuschelt, geschmust und geknutscht, bis die Lippen taub sind. Die Knutschsession ist beendet, kein medizinisch relevanter Befund nachweisbar, alle gesund, doch, was passiert jetzt? Der gerade noch zur Hälfte in der Mundhöhle seiner Freundin verschwundene Mann dreht sich  zu mir, öffnet den Mund und sagt: „Hey, ich bin Emre. Wo fährst du denn hin?“ 

Oh Gott nein, bitte nicht. Bitte lass mich aus dieser Hölle, hab Erbarmen mit mir. Was nett klingt und auch genauso gemeint ist, ist für mich ein Albtraum. Ich hasse Bahnfahren, ich hasse Gespräche während des Bahnfahrens, und um Gottes willen ich will, dass du für die nächsten fünf Stunden schweigst. Aber das kann ich dem jungen Mann ja so nicht verklickern. Ich versuche mich abzureagieren. Versuche ruhig zu bleiben und verrate in engelsgleichem Singsang meinen Zielort.
Ich bin müde und richtig schlecht gelaunt. Der Kaffee scheint mir entkoffeiniert gewesen zu sein. Bitte kein Gespräch. Wie komme ich da jetzt wieder raus? 

Mir scheint, als sei ich in einer Situation, aus der ich mich nicht befreien kann. Flucht ist unmöglich, aber genauso unmöglich ist eine adäquate Gesprächsführung.
Meine Gebete wurden erhört. Ich danke Allah, Jahwe, Buddha, Gott oder wen auch immer ich da gerade mit meinen Stoßgebeten gen Zugdecke in der Leitung hatte. Wie durch ein Wunder widmet sich mein Gesprächspartner nach einigen gezwungenen Small-Talk-Sätzen wieder seiner Freundin. Die beiden machen weiter wie zuvor und ich setze mir meine Kopfhörer wieder auf in der Hoffnung nicht mehr gestört zu werden. Mit dem Gedanken an die hoffentlich bald eintretende Zukunft und ein Ende der Bahnfahrt schlummere ich weg.
Doch nicht lange. Ungefähr 20 min später, werde ich behutsam durch einen gezielten Knuff in den Oberarm vom Fahrtkarten-Kontrolleur aus meinem Schlaf geweckt, der mir mit sanfter Stimme ins Ohr brüllt: „Aufwachen! Fahrkarten bitte!“ Das ist der Bahn Komfort, den ich kenne. Hoch lebe das unzuverlässigste Beförderungsmittel in Deutschland. Abgesehen vom öffentlichen Personennahverkehr der BVG. 

Meine Laune ist durch, mein Tag gelaufen. Verschlafen schaue ich mich um. Blick auf die Uhr: noch 2 Stunden in diesem Chaos und die Bahn ist brechend voll. Keine Chance sich umzusetzen, keine Möglichkeit auf ein bisschen Ruhe. Aber was soll’s. Für diese Erlebnisreise zahle ich doch gern.