Prokrastinationsmastermind

Meine Kreativität in Sachen Unproduktivität kennt keine Grenzen. Ich bin der Mastermind des Prokrastinierens. Ohne Deadline bekomme ich nichts geschissen. Dinge herauszuschieben bis sie unvermeidlich gemacht werden müssen, ist mein Hobby. Nichts kann ich so gut wie das. Hausarbeiten, putzen, Wäsche waschen, einkaufen – gib mir eine mehr oder minder ätzenden Tätigkeit und ich melke die Prokrastinationskuh bis sie keinen Tropfen mehr gibt. Ich bin die Prokrastination in Person. Ich bin der Meister der Unfähigkeit Dinge direkt zu erledigen. Ich prokrastiniere so hart, dass selbst die vor zwei Wochen eingezogenen Staubmäuse neidisch auf meine Unproduktivität sind. Steht das Sofa falsch, die Wohnung ist nicht sauber genug oder es ist noch etwas Gras da, rückt die eigentliche Aufgabe in den Hintergrund. Ich kann mich einfach nicht überwinden. Immer dasselbe. Die Deadline ist mein Motor. Und die Prokrastination ihr Benzin. Ich bin der Prototyp eines Hängers. Sport: zu anstrengend. Uni: kein Bock. Spontan was machen, wenn ich den ganzen Tag frei hab: Ja bin ich denn wahnsinnig? Ich bin das Paradebeispiel für Bill Gates’ Traummitarbeiter. Effizient mit möglichst wenig Aufwand. Und das ganze paart sich dann mit Größenwahnsinn. Eine erfolgversprechende Mischung, welche sich in 5 Phasen gliedert:

Phase 1: Ich habe ja noch Zeit

Eine Phase, die trügerisch entspannt ist, wird vor allem genutzt, um der verkappten Netflix-Sucht Teil zu werden und die beliebtesten Serien deiner Wahl in einem Schwung durchzusuchten. Dass der Tag danach, eine reine Qual ist, weil du die halbe Nacht bis um 3 Uhr damit beschäftigt warst, herauszufinden, ob Narcos Mexico mit den vorherigen kolumbianischen Staffeln mithalten kann, hat nicht nur deine Psyche (es gibt einen Grund warum Narcos Mexico einen über 18 Code hat), sondern auch deinen Biorhythmus zerstört. 
In den letzten 10–17 Stunden, in denen du dir die Serie deiner Wahl bis zur Unerträglichkeit einverleibt hast, hättest du eigentlich mit deiner Hausarbeit, deinem Projekt oder was auch immer bei dir ansteht anfangen müssen, um entspannt durch die Vorbereitungszeit zu kommen. Aber du wärst nicht du, wenn du den Ratschlägen erfolgreicher Menschen folgen würdest.

Phase 2: Ich sollte mal anfangen

Phase 2 wird davon eingeleitet, dass der erste Gedanke an die bevorstehende Deadline verschwendet wird. Ein erstes „Oh da war ja was“ lässt dich daran erinnern, dass du eigentlich anfangen müsstest, wenn du nicht genauso gut deine kostbare Zeit im Internet verschwenden könntest. Ein Gedanke über die Anzahl von Katzenvideos und ob überhaupt jemand mal die Zehn-Stunden-Version von Neon Cat zu Ende gesehen hat, lässt dich nicht lange zögern, um einen Selbstversuch zu starten. Die nächsten –1015 Stunden vermeintlicher Produktivität ziehen ins Land. Diese Phase nimmt im Schnitt 30–70 % der eigentlichen Vorbereitungszeit in Anspruch, je nach Ausprägung des Prokrastinationscharakters.

Phase 3: der „Oh-Fuck“-Moment

Es trifft dich wie ein Geistesblitz. Schlagartig wird dir mitten in der Nacht zwischen Staffelfinale und endgültiger Isolation die Deadline ins Bewusstsein gerufen. Adrenalin schießt dir durch die Venen und obwohl es mitten in der Nacht ist, deine Augen sich nichts sehnlicher wünschen, als den verdienten Serienfeierabend, bist du schlagartig hellwach. Ein schrilles „Oh-Fuck“ meist kombiniert mit einer kleinen bis mittelgroßen Panikattacke lässt dich die weiteren ein bis zwei Stunden nicht schlafen. Wenn du dich wieder beruhigt, der Fluchtreflex ausgesetzt und das Adrenalin wieder auf einem normalen Niveau ist, startest du direkt in Phase 4.

Phase 4: eskapistische Hoffnung

Der Wecker ist auf 7 Uhr gestellt und mit einem naiven Gedanken, dass 4 Stunden Schlaf durchaus reichen um bis zu 70 % verlorener Arbeit in kürzester Zeit wieder wett zu machen, beginnt für dich Phase 4. Du willst vorbildlich sein, dich bemühen, das beste aus der Situation machen. Dein Weg führt direkt in die Bibliothek deines Vertrauens. Zwischen anderen Studenten, die alle produktiver und entspannter aussehen als du (bis auf den einen Quotenstudenten, der mit tiefen Augenring in der hintersten Ecke der Bibliothek sitzt und sich dort schon häuslich eingerichtet hat), machst du dich an die Arbeit. Der Plan ist gemacht, der Stundenplan erstellt und die Lektüre ist vor dir ausgebreitet. „Alles wird gut“, sagt eine trügerische Stimme in deinem Kopf. Zwei Stunden später, dann der erste Rückschlag: die Zeit, die du einkalkuliert hast, ist viel zu knapp. Aber für Panik ist keine Zeit, du machst weiter und landest in Phase 5.

Phase 5: Priorisieren, streichen und kürzen

Diese drei Handlanger retten dir deine Zeit und deinen Arsch. Konzentriere dich auf die Fakten, alles was du dir ausgemalt hast wie gut dein Geschriebenes oder das Vorgetragene werden soll, kannst du direkt für die nächste Prüfung vornehmen, bei der du dir natürlich vornimmst auf jeden Fall früher anzufangen. Im Zeichen des Drucks und des Stresses, werden die Quellen dezimiert, genauso wie deine Energie, Motivation und Zeit. Also „Stick to the Status Quo“ wie Troy Bolton schon 2006 mit einer energischen Tanz-Sing-Choreographie prophezeite. Mach das Beste aus der dir gegebenen Situation und rette, was du retten kannst. Mit genug Selbstbewusstsein fällt niemandem auf, dass du es in zwei Nachtschichten geschrieben hast.

Es ist vorbei, alles ist fertig, du hast es abgegeben und deine Glücksgefühle tanzen Limbo. Ich als Vorsitzende des Prokrastination e. V. kann dir nur raten: FANG GOTT VERDAMMT NOCHMAL FRÜH AN. Aber das soll nur ein Ratschlag am Rande sein. Ich wünsche dir in jeglicher Hinsicht viel Erfolg. Möge der Kaffee ausreichend, der Schlaf erholsam und die Finger willig zu tippen sein. Du machst das schon. Und wenn nicht hast du jetzt eine Vorstellung, was auf dich zukommt.