Stressmas

Es ist Dezember. Vor dem Regal, welches dem Anschein nach mit den übrig gebliebenen Weihnachtswaren aus dem letzten Jahr geschmückt wurde, steht eine Frau mittleren Alters: „Mein Gott! Weihnachten kommt immer so schnell.“ Ja genau. Genauso schnell wie jedes Jahr. Dies wird dir auch ganz subtil mitgeteilt in dem seit September dein kommerzielles weihnachtliches Lustzentrum maximal getriggert wird. Lebkuchen, Marzipan und Dominosteine so weit das Auge reicht werden dir bereits drei bis vier Monate vor dem eigentlichen Verkaufsschlager-Event Weihnachten angepriesen. Du kannst es nicht ignorieren. Du wirst bei JEDEM – wirklich jedem – Einkauf daran erinnert, dass Weihnachten ist. Aber nun gut. Vielleicht bist du auch so wie ich und gehörst zu den Menschen, die Weihnachten und das bei weitem überschätze Silvester verdrängen und solange ignorieren wie möglich. Wie für die meisten meiner Artgenossen bedeutet Weihachten auch für mich quer durch Deutschland zu reisen und auf den letzten Drücker die letzten Geschenke zu kaufen. Wer behauptet, dass Weihnachten das Fest der Liebe und Besinnlichkeit ist, hat ja keine Ahnung, wie Weihnachten wirklich abläuft. Zwischen Streitigkeiten über die richtige Fleischauswahl, bis hin zu Nonsens Diskussionen über die richtige Farbe des Baumschmucks, fällt es mir verständlicherweise schwer als jüngstes Mitglied meiner kleinen Familie die weihnachtliche Faszination nachzuempfinden.
Die Besinnlichkeit als wesentlicher Bestandteil der Weihnachtswinterfeste, ist mindestens genauso fake wie die Augenbrauen der durchschnittlichen 16-20-jährigen, deren Bibis Tutorial zur perfekten Braue entgangen ist. Wirklich besinnlich bin ich nur für einen sehr kurzen Zeitraum. Dieser beginnt mit dem Moment, in dem die Bahn in meinem Startbahnhof einfährt und endet, wenn sich die Türen am Endbahnhof öffnen. In dieser Zeit fühle ich mich wie Chris Rea und das „Driving-home-for-Christmas“-High setzt ein. Der Geruch von Kaffee, Punsch und Plätzchen in Kombination mit der vorbeiziehenden weißen Landschaft erweckt in mir das Gefühl, wieder Kind zu sein. Wieder aufgeregt am Fenster stehen zu wollen, um zu gucken, ob man das Christkind nicht doch zufällig erhaschen kann. Aber ich bin mittlerweile erwachsen, vorbei der Traum von übernatürlichen Wesen, die einen zum Ende des Jahres mit Geschenken belohnen wollen. Vorbei die Magie, wenn die Glocke läutet und man Hand in Hand mit Oma in die Kirche zur Kinderweihnachtsmesse geht.
Die Bahn hält und ich werde aus meiner kleinen Welt entrissen. Ich steige aus und verlasse meinen besinnlichen Safespace. Ich trete die Fahrt Richtung Familie an. Die letzten Meter, bevor die anstrengendsten vier Tage des Jahres beginnen. Einmal tief Luft holen und klingeln. „Ich schaff’ das“, sagt mir mein inneres Ich. Die Tür geht auf und all meine Sorgen und Befürchtungen sind verschwunden. Der Geruch des alljährlichen Toast „Kinoschluss“ steigt mir in die Nase und hinterlässt ein heroinähnliches Rauschgefühl der puren Glückseligkeit. Vor mir steht meine Oma, die mit ihren stolzen neunzig Jahren immer noch fit wie Usain Bolt einen Sprint Richtung Haustür hingelegt hat. Und mir wird klar, dass egal wie sehr ich die Streitereien, die Unstimmigkeiten und die elendigen Diskussionen hasse, wie sehr ich auch nach vier Tagen Familienzeit eine dreiwöchige Ayurveda-Kur bräuchte, und mir zwischenzeitlich nur noch der Wein über die unsinnigen Themen meiner Familie hinweghilft: das ist meine Familie. Und nirgendwo sonst könnte Weihnachten so schön sein wie hier.

Janna Meyer