Unter Schauspielern

Berlin, Steglitz. Das Institut für Theaterwissenschaften – Raum 101. Im Zentrum des alteingesessenen Gebäudes befindet sich mein Kursraum, der prall gefüllt ist mit Fakern und Prolls, die nur darauf warten zu zeigen, was sie können. Die Geräuschkulisse ist laut und ich bin gefangen in der unwahrscheinlichen Hölle aus Theaterstudenten und Schauspielern. Pseudoschauspielern, Pseudodramaturgen und Pseudointendanten. Einer schlauer, individueller und besser als der andere. Grausam, wenn man dem allgemeinen Wettbewerb nichts abgewinnen kann. 

Thema: Marionettentheater, Autor: Kleist. Es bricht eine Debatte über die Göttlichkeit von Kleists etablierten Figuren des Bären und der Marionette aus. Eine Debatte, die einem billigen Schauspiel gleichkommt. Es schaukelt sich hoch, der eigentliche Mittelpunkt – die Diskussion über Kleists Text – verblasst und stattdessen diskutiert man über Religion. Die Situation kippt ins Lächerliche. Meine Kommilitonen fühlen sich ermutigt einen Kampf um den Thron der Unsinnigkeit zu führen. Als wenn die letzten 20 min nicht ohnehin schon die Krönung der Belanglosigkeit gewesen wären, entwickelt sich ein Wettkampf zwischen zwei Studenten. Eine hitzige Auseinandersetzung, die im Vergleich der eignen Ausbildung endet: 

„Also ich studiere ja Schauspiel und habe bisher an vielen Produktionen renommierter Autoren und Regisseuren mitgearbeitet, deswegen denke ich (hier nicht zur Sache tuende Meinung einfügen).“ Als ob die eigene Ausbildung ein Argumentationsass wäre, lässt sich auch die andere Studentin auf dieses Niveau herab und argumentiert im ähnlichen Stil: 
„Also ich habe ja nicht nur bereits aktiv Erfahrung im Schauspiel machen dürfen – nein – ich habe meine Ausbildung an der Ernst-Busch Hochschule für Schauspielkunst genießen dürfen.“ 
Mit dieser Spitze an peinlichem Echauffieren ändert sich nicht nur die Grundstimmung im kleinen Raum, auch das Vokabular meiner Kommilitonen scheint sich schlagartig in die Ära Kleists zu verabschieden. Wo gerade noch die Rede von Streit und Intrigen war, redet man jetzt über Fede und Kabale. 

Ich komme mir vor wie im Kindergarten. Charaktere so instabil wie Wackelpudding, die sich so schnell anfixen lassen wie ein lokal temporär Ansässiger des Bahnhofs Zoo. 
Was charakterlich unschön ist, spiegelt sich auch im Style des Beschriebenen wider. Die Kappe auf halbmast, die Hose zu hoch gezogen und eine Farbkombination, die selbst Frank Matthée in seinen Grundüberzeugungen erschüttert hätte. Dazu natürlich alles Hilfiger und alles aus Kort. Nicht der schöne angesagte Cord, den Modeblogger als Itpiece des Jahres anpreisen, ich spreche von dem Kort, bei dem selbst deine Oma durch längst vergessene Kindheitstraumata einen PTBS Rückfall bekommt – und die hat den Krieg miterlebt.
Der Gang, die Körperhaltung, die Ausdrucksweise, alles schreit nach Aufmerksamkeit. In einem Raum, der gefüllt ist mit eben nur solchen Figuren, kann man sich vorstellen, wie stark der Drang nach ungeteiltem Individualismus ist. Es wird laut, es wird kleinlich. Jeder möchte jedem widersprechen und mit einer eigenen noch präziseren Erweiterungen den eigenen geistigen Horizont unterstreichen. 

Ich gehöre hier nicht hin. Ich bin keiner von Ihnen, nicht mal ansatzweise. Ich kann mit ihren Themen nichts anfangen, ich kann mit den Personen nichts anfangen. Ich fühle mich wie der Elefant im Porzellanladen und ecke mit allem an was ich sage. Sei es meine Theatererfahrung, mein Lieblingsgenre oder mein versteckter Hang mich in den Kegel des Rampenlichts zu drängen. Ich finde hier keinen Anschluss. Aber das macht nichts, so wenig ich die kleinen Solokämpfer auch ausstehen kann, umso mehr bieten sie mir Entertainment um ein ganzes Buch füllen zu können. 

An dieser Stelle möchte ich mich für die Unterhaltung bedanken. Meine Nerven leiden und ich kann mich kaum vor Stresshormonausschüttung retten, aber das ist es wert. Die gesamte Konzeption der Situation ist auf eine gewisse Art und Weise so stigmatisch und klischeebelastet, dass es schon fast surreal scheint Teil dieser Gruppe zu sein. Und wenn man ehrlich ist, denken sie dasselbe wahrscheinlich über mich. In einer Parallelwelt gibt es sicherlich einen Blogeintrag über meine langweilige, spießige Persona. 
Aber das ist vollkommen ok.